Der fliehende Holländer
Eine Schiffersage.
v. A. Freiherr von Sternberg. [Alexander von Ungern-Sternberg]
in: Novellen. Vierter Theil. [1834] ; S. 75-110

[Teil 3 von 4]

(aus dem kostenlosen Angebot von Google Books)
(diese Geschichte habe ich zwecks Übersicht in vier Teile aufgeteilt, im Original ist dies nicht der Fall)

Eine Stille trat ein, dann sagte ein junger Matrose: „Mein Großvater hat mir auch von dem Gespenst erzählt, der aber meinte, es sey dahinter Niemand anders verborgen, als der, vor dem Gott unsre Seelen bewahre; auf dem Zauberschiffe seyen jedoch alle Unglücklichen versammelt, die sich ihm ergeben haben und die er nun viele Jahrhunderte lang mit sich herumführe, um sie dann, wenn ihre Zahl voll sey, allesammt in die ewige Verdammniß zu stoßen. Der alte Mann sagte noch ferner, daß der Böse nur den Schiffen erscheine, deren Kapitän oder Steuermann mit ihm einen Pakt geschlossen; dann segle oft mehrere Nächte lang das todte Schiff dem andern nach; gleichwohl könne der Kapitän sich und die Mannschaft aus den Klauen des Feindes retten, wenn er nur streng darauf halte, daß, während das Gespenst hinterher ist, kein Fluch, auch nicht der leiseste, ausgestoßen werde auf dem ganzen Schiffe; so wie aber dergleichen geschieht, sind Schiff und Mann verloren und in der Gewalt des Bösen auf immerdar.“ – „Sehr wunderbar“ rief Martin, „dieser Umstand ist mir doch noch nicht bekannt gewesen, allein es mag damit wohl seine Richtigkeit haben.“ Der alte Schiffer nahm wieder das Wort und sagte: „Andre erzählen, der fliehende Holländer sey bei seinen Lebzeiten ein Schiffshauptmann gewesen und habe vor langen Jahren sein Wesen getrieben auf dem Meere. Unter allen Gräuelthaten, die er begangen, ist aber eine so unerhörte Frevelthat, daß er zur Abbüßung derselben nun bis an den jüngsten Tag in der Irre fahren muß.“ – „und was ist dies für eine That?“ fragten Martin und noch einige Andere. „Er soll,“ entgegnete der Erzähler, „zur Zeit eines ungeheuren Sturmes und da ihn kein Mittel mehr vom Tode hatte retten wollen, die heilige Hostie genommen und in’s Meer geschleudert haben.“

Diese Worte sezten alle Zuhörer in Erstaunen und Entsetzen, nur der Kapitän Holofernes beantwortete sie mit einem spöttischen Gelächter. „Wie mögt Ihr doch, Freunde,“ rief er, „solche Thoren seyn und an dergleichen Mährchen mit festem Glauben halten!“ – „Keine Mährchen!“ rief der alte Martin, „nur der Gottlose kann über solche Dinge spotten.“ Er sprach dieses mit einer ernsten, tiefen Stimme, indem er einen strafenden Blick auf den Kapitän warf. „Ich sage Euch aber,“ rief dieser, „Ihr mögt mich nun für gottlos halten, oder nicht, es sind leere, taube Mährchen, erfunden, um Kinder und schwache Greise zu schrecken; kein muthiger Schiffsmann, der sein Geschäft versteht, wird sich um derlei bekümmern. Hab‘ ich denn nicht auch weite Reisen gemacht, und doch weiß ich kein Wörtlein von all dem Spuk.“ – „Wißt Ihr auch jezt nichts, so könntet Ihr doch einmal später etwas der Art erleben; nehmt Euch in Acht!“ rief Martin, „denkt an mich und diese Stunde! Ihr meint meiner zu spotten und glaubt, daß ich nicht weiß, wie es um Euch steht; doch seyd nur ruhig, Kamerad; folget meinem Rath und sucht die See nicht auf; hier auf festem Boden hat er keine Macht über Euch!“ – „Unerhörte Frechheit!“ rief der Kapitän, „was wollt Ihr mit diesen verrückten Reden sagen, Alter? seyd Ihr kindlich geworden, oder soll man Euch in’s Tollhaus sperren?“ – „In’s Tollhaus?“ wiederholte der Alte mit einer leisen, aber furchtbaren Stimme; „warum nicht? mit einem guten Gewissen schläft sich’s überall wohl; wer aber, wie Ihr, Gäste bekommt, die durch keine Thür und durch keine Gitterstäbe abzuhalten sind, der ist nie vor unangenehmem Zuspruch sicher.“ Die Männer traten herbei, um den Streit, der sich jezt auf eine ernste Weise entspinnen zu wollen schien, durch ihre Vermittlung zu hemmen. Es gelang ihnen auch nach einiger Mühe, den alten Martin zum Schweigen zu bringen, und so löste sich die ganze Versammlung auf, indem Jeder bemerkte, daß es schon spät und Zeit sey, die Ruhe zu suchen.

Die Anstalten zu ??? (Vorlage unleserlich) Reise wurden jezt getroffen; es sollte hoch hinauf nach Island gehen, und obgleich mancherlei Umstände eintragen, die da zeigten, daß die Fahrt um diese Jahreszeit nicht ohne große Gefahr seyn würde, so blieb der Kapitän doch fest bei seinem gegebenen Wort und verlachte den guten Rath und die Bedenklichkeiten, welche seine Freunde ihm wiederholt äußerten. Nicht so dachte der junge Adrian, ihn getreute im Herzen der ganze Handel, den er leichtsinnig eingegangen, und hätte ihn nicht sein eigner frommer Sinn vom Kapitän fern gehalten, so wären, dieses zu thun, die vielen abenteuerlichen und seltsamen Gerüchte im Stande gewesen, welche über diesen furchtbaren Menschen ihm zu Ohren kamen. Lebendig stand ihm das lezte Gespräch in der Schenke vor der Seele, und er sah nun ein, wie Martins Rath der beste sey, nämlich sich von der ganzen Unternehmung loszusagen. Doch diesen Entschluß zu fassen, war das bekümmerte Gemüth des Jünglings nicht fähig; erstlich schien es ihm im höchsten Grade widerrechtlich, dem Kapitän sein Wort zu brechen, zumal da er von diesem schon eine bedeutende Summe in Händen hatte, und dann war noch ein Grund da, den er kaum sich selbst gestehen mochte, wenn er in Stunden der Einsamkeit durch die Straßen von Antwerpen wanderte und ihn der Geist trieb, beim Hause des Kapitän ??? (Vorlage unleserlich) stille zu stehen, um hinaufzusehen in das beleuchtete Fensterlein, wo die schöne Margarethe wohnte. Der strenge, finstere Mann hatte sich nach langem Bitten bewegen lassen, das zarte Mädchen mit einer alten Muhme in’s Haus zu nehmen, und jezt war es beschlossen, daß beide Frauen die Reise mitmachen sollten, um im nördlichen Norwegen, wo einige Verwandte lebten, abgesezt zu werden.

Diesen Umstand hatte Adrian erfahren, und nun schien es ihm angemessen, ja sogar nothwendig, das junge, schöne unerfahrene und zaghafte Mädchen zu begleiten, ihr seinen Schutz zu gewähren, wenn sie dessen, wie es vorauszusehen war, in der Mitte von rohen, schonungslosen Matrosen, oder selbst an der Seite ihres finstern, verdächtigen Beschützers bedurfte. Margarethens einziger Trost war diese Zusage Adrians, und wie ein drohendes Missgeschick oft wieder zwei entfremdete Seelen zusammenzuführen im Stande ist, so schließt es um so fester das Band der Zuneigung und Zärtlichkeit zwischen Geliebten. Diese Gedanken beschäftigten die Seele des Jünglings, als er eines Morgens aus der Messe heimkehrte; Ruhe und seliger Friede hatten in seinem Gemüth alle trüben Bekümmernisse beschwichtigt, und indem er sich im Gebet den Fügungen des Himmels völlig unterworfen, dachte er mit freudigem Sinn an die Reise und die Aussicht, mit dem geliebten Mädchen unausgesezt zusammen zu seyn. Als er am Hause des Kapitäns vorüber gehen wollte, stand dieser plötzlich vor ihm und maß ihn mit finstern Blicken. „Was ich von Euch erwartet,“ hub er nach einer Weile an, „hat sich nicht erfüllt; es ist besser, mein Freund, daß wir wieder von einander scheiden.“ – „Was wollt Ihr damit sagen!“ rief Adrian erstaunt; „hab‘ ich etwas gegen Euer Geheiß gethan?“ – „Das habt Ihr!“ war die Antwort; „wo seyd Ihr jezt gewesen? Anstatt beim Schiffe zu seyn, lauft Ihr in’s Bethaus zu den alten Weibern, um die Zeit zu tödten! Laßt mich das nicht wieder sehen, wenn wir Freunde bleiben sollen.“ Der Jüngling erröthete vor Zorn; mit unwilliger Stimme rief er: „Herr Kapitän, Ihr werdet selbst wissen, daß Eure Macht nicht so weit geht, mir das Gotteshaus zu verschließen!“ – „Wie?“ schrie der finstere Mann drohend, „noch Vorwürfe! Wohlan, wir sind geschiedene Leute, in einer Stunde sollt Ihr Eure Papiere wieder haben; andächtige Memmen dulde ich nicht auf meinem Schiffe! geht!“ Er machte Miene, dem Jüngling den Rücken zu wenden, aber diesem fiel zum Glück der Name des Mannes ein, der ihn an Holofernes gewiesen. „Ich gehe,“ rief er, „doch der Kapitän Clamford, der mich an Euch empfohlen, soll erfahren, wie Ihr Euer gegebenes Wort brecht.“ Kaum war dieser Name über die Lippen des jungen Steuermanns, als Holofernes sichtlich erbleichte und in der Verwirrung nicht sogleich ein Wort hervorbringen konnte; endlich stammelte er: „Clamford? wo habt Ihr ihn gesprochen?“ Adrian beschrieb das Ereigniß jenes Abends mit allen damit zusammenhängenden Umständen ruhig und kalt; der Kapitän verlor kein Wort seiner Erzählung und wandte sich manchmal um, als fürchte er Jemanden, der da lausche, und so sehr er vor dem Jünglinge die Zeichen seiner innern Bewegung zu verbergen trachtete, so glaubte er doch dieser den gefährlichen Mann, mit dem er es zu thun hatte, jezt ganz zu durchschauen. Nach dieser Unterredung nahm der Kapitän seine frühern Außerungen zurück, überhaupt schien er sein Betragen jezt auffallend gegen den jungen Steuermann zu ändern, er behandelte ihn freundlich, ja sogar mit einer Art von Ehrerbietung, und Adrian war in seinem Herzen froh, daß er jezt die Reise mitmachen durfte, vor der er sich Anfangs so sehr gescheut hatte. So rückte denn unter mancherlei Zurüstungen der Tag der Abfahrt heran und die Rhede wimmelte von Zuschauern, welche das Schiff und die Mannschaft mit neugierigen Blicken musterten.

Eine geraume Zeit war vergangen, das Jahr schritt seinem Ende entgegen, und es kam die Periode, wo die in den nordischen Meeren furchtbaren Aequinoctialstürme zu wüthen beginnen. Keine Beschreibung und kein Bild vermag dem Bewohner des Mittellandes den Anblick zu vergegenwärtigen, den das Meer um diese Zeit bietet: eine finstere, grässliche Welleneinöde, umschlossen von einer schweren lastenden Wolkendecke, durchtobt von streitenden Orkanen, welche in heulenden Tönen dahinbrausen, ähnlich denen, die das Thier der Wüste in seinem nagenden Hunger ausstößt. Ohnmächtig ihrem Wüthen dahingegeben, schleudern die kolossalen Wassermassen spielend das unglückliche Schiff sich zu, gleichsam wie in höhnender, grausamer Mordgier, ehe sie es vernichten; zitternd klammert sich der beherzte Matrose am Mastbaum fest; der Blick des Steuermanns erblindet im tobenden Gischt, den das Meer ihm entgegenspeit, das Auge der Sehnsucht irrt am ganzen nächtlichen Umkreis des Horizontes herum, ob nicht ein Stern auftauche, das ferne Lämpchen eines Leuchtthurms sich zeige, welches verkündet, daß ein wirthlicher Hafen sich öffnet – umsonst! Nacht des Todes verschleiert die Welt, und nur die Welle, die unter den Füßen den schwarzen gähnenden Abgrund aushöhlt, hebt ihr drohendes Haupt sichtbar über den schwankenden Kiel.

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