Der fliehende Holländer
Eine Schiffersage.
v. A. Freiherr von Sternberg. [Alexander von Ungern-Sternberg]
in: Novellen. Vierter Theil. [1834] ; S. 75-110

[Teil 2 von 4]

(aus dem kostenlosen Angebot von Google Books)
(diese Geschichte habe ich zwecks Übersicht in vier Teile aufgeteilt, im Original ist dies nicht der Fall)

Zur Zeit, als dieses sich begab, lebte nicht weit von Antwerpen ein junger Mann, Adrian van Roos, der in höchst dürftigen Umständen sich befand und dabei eine alte Mutter und fünf unerwachsene Geschwister zu ernähren hatte. Er war früher in Seediensten gewesen und suchte diese von neuem, obgleich sein Mißgeschick ihn lange in der Irre herumgetrieben, ohne ihn eine vortheilhafte Anstellung finden zu lassen. So kam er denn einmal nach manchem Ausflug wieder zurück in die Vaterstadt und wandelte bei eben anbrechender Nacht auf der Rhede umher, mit bekümmerter Seele und fast trostlosem Gemüth. Der Platz, den Anfangs noch ein unruhiges Leben erfüllt hatte, lag jetzt in tiefer Stille, der Nachtwind, mit stärkerem Fittig dahinziehend, spielte mit den Flaggen und Wimpeln der Schiffe, schüttelte das Zaunwerk und kräuselte die finstern Wellen, die, von weitem kommend, mit eintönigem Geräusche an die Seitenwände der ruhenden Kolosse schlugen, deren Mastenwald hinauf in die dunkelnde Bläue ragte.

Adrian heftete seinen Blick auf die Stadt und sein Auge traf jene Fenster, welche von dem späten Kerzenlicht, bei dem die lustigen Brüder schwärmten, hell erglänzten; er wusste nicht, wem der neue Bau gehörte, so lange war er von seinem Geburtslande abwesend gewesen. Er sah sich um, ob Niemand da sey, der ihm darüber Auskunft geben könnte, und gewahrte einen Mann, der dicht neben ihm stand, ohne daß er nur das Mindeste von dessen Annäherung vernommen. Adrian blickte ihn an und jener erwiderte den Gruß, indem er leise an dem großen, breiten, niederhängenden Hut zog, der sein ganzes Gesicht beschattete. „Wenn Ihr ein Bewohner dieser Stadt seyd,“ hob der Jüngling die Rede an, „so habt ihr die Güte, mir zu sagen, wer in jenem neuen Hause wohnt.“ – „Ich will noch mehr thun,“ entgegnete der Fremde mit einer tiefen, rauen Stimme, „ich will Euch den Besitzer jenes Hauses empfehlen, als an denjenigen, dessen Hülfe Ihr eben jezt eifrig sucht.“ Der Jüngling sah seinen Nebenmann befremdet an. „Wie wißt Ihr, daß ich irgend einer Hülfe bedürftig bin?“ – „Laßt das gut seyn,“ war die Antwort, „es sey Euch genug, daß ich da bin, um Euch einen Dienst zu leisten. Es ist gerade eine Unternehmung im Werke, wo man Eure Hülfe nicht ausschlagen wird. Geht in das Haus dort; das Zimmer, wo die lustigen Gesellen bei Wein und Karte beisammen sind, laßt rechts liegen und steigt eine kleine Treppe hinauf am Ende des Ganges, da kommt Ihr in ein Gemach, darin sitzen zwei Männer; derjenige, der Euch entgegenkommen wird mit der Frage: „Nun, Berth, wie geht der Wind?“ mit dem schließt Euer Geschäft ab, denn er ist’s, der Euch helfen kann; zum Ueberfluß könnt Ihr auch noch sagen, daß Euch der Kapitän Clamfort hingewiesen hat.“ Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als der wunderbare Mann, nachdem er jenen kurzen Gruß wiederholt hatte, auch wieder verschwunden war, ohne daß Adrian recht begriff, wohin und auf welche Weise. Nur das Tauwerk eines mächtigen Schiffes neben ihm klapperte heftiger im Nachtwind, und es kam ihm vor, als kletterte ein schwarzes, unkenntliches Wesen mit Schnelligkeit den schwankenden Mastbaum hinan. Den Jüngling überlief ein unbehagliches Gefühl; er sah sich wieder einsam auf dem Platze und wußte nicht, ob er dem Rath des Unbekannten folgen solle oder nicht; endlich entschloß er sich zu dem Erstern, indem er mit Anstrengung die beunruhigenden und finstern Betrachtungen niederkämpfte.

Alle Umstände, bis auf die geringsten, fanden sich gerade so vor, wie sie der Fremde beschrieben; Adrian stieg die Wendeltreppe hinauf, und als er die Thür eines kleinen Gemaches öffnete, befiel ihn ein Grausen, denn vor ihm stand ein langer dürrer Mann, der ihm die Worte zurief: „Nun, Berth, wie geht der Wind?“ An einem Tisch saß ein zweiter, dessen Kleidung und Aeußeres einen Mann aus höherm Stande bezeichneten. Als der Kapitän merkte, daß er seine Frage an den Unrechten gerichtet, zog er ein finsteres Gesicht und rief barsch: „Wer seyd Ihr – was wollt Ihr hier?“ Der Jüngling antwortete mit fester Stimme: „Ihr habt eben eine große Unternehmung vor, dazu braucht Ihr die Hülfe eines Menschen, der Euch noch fehlt – nehmt mich dazu.“ Jener wich einen Schritt zurück, indem er rief: „Wie wißt Ihr von dem, was wir so eben in tiefem Geheimnis miteinander besprachen?“ – „Gleichviel,“ sagte Adrian, „ich weiß es, und damit gut.“ – „Ich habe einen tüchtigen Steuermann nöthig,“ rief Holofernes. „Dazu kann ich dienen,“ frohlockte der Jüngling; „bis jezt habe ich keinem andern Geschäft vorgestanden und stelle darin, ohne mich zu rühmen, meinen Mann.“ Der Kapitän sah dem Jüngling in’s offene, jugendlichschöne Antlitz; die kecken Worte, noch mehr das Zuversichtliche und Seltsame, das in seinem Wesen lag, nahm ihn für den kräftigen Burschen ein und er rief: „Nun wohl, bringt mir Eure Papiere, und der Handel soll abgeschlossen seyn – damit Ihr seht, gestrenger Herr,“ wandte er sich zu seinem Nachbar am Tische, „wie ich den Befehlen Eurer Herrschaft auf’s Geschwindeste nachkomme.“ Der Mann, welcher bis jezt einen stummen und, wie es schien, verwunderten Zeugen des ganzen Auftritts abgegeben, erhob sich jezt und rief, mitten in der Stube stehend: „Nun wohlan! Ihr seht selbst, Herr Kapitän, wie sich Alles zu Eurem Willen fügt; laßt denn unsere Sache abgemacht seyn: Ihr übernehmt selbst die reiche, kostbare Ladung, und die Schatzkammer wird es an einem tüchtigen Zuschuß nicht fehlen lassen; jezt aber kommt und laßt uns unten einen tüchtigen Humpen leeren auf Abschluß der langen Verhandlung. Ihr, Meister Steuermann, mögt nur auch mitkommen.“

Die drei Männer stiegen jezt hinunter und mischten sich im großen Versammlungssaale unter die Gruppen der fremden und einheimischen Schiffer, sowie einiger jungen Leute aus der Stadt. Es wurde gespielt, theils mit Würfeln, theils mit der Karte; ein großer Theil saß aber um einen weitgereisten fremden Schiffsherrn herum, der von seinen Abentheuern und Schicksalen erzählte. Adrian suchte ein stilles Plätzchen, wo der Lärm ihn nicht von der Betrachtung über sich und das wunderbare Ereigniß der lezten Viertelstunde abhielt. Er wusste nun, daß er es mit dem berüchtigen Kapitän Holofernes zu thun hatte, und so vortheilhaft ihm diese Verbindung, von einer Seite betrachtet, schien, so drängte ihn auf der andern sein Gewissen; besonders fiel es ihm jezt ein, über die Erscheinung des Mannes auf dem Hafenplatz zu grübeln, sowie über die wunderbare Art, wie jener ihm alle Umstände, die sie sich nachher wirklich begaben, vorhergesagt. Trotz dieser Zweifel war er jedoch herzlich froh, ein so gutes Geschäft gefunden zu haben, und beschloß zulezt die Gunst des Glückes zu erfassen, ohne durch zu weit gehende Besorglichkeit und Furcht sich ihrer unwerth zu machen. Er erhob sich und trat jezt auch in den Kreis, der um den Erzähler sich geschlossen hatte. Der fremde Schiffer war eben mit dem Bericht eines Abentheuers fertig geworden, und die Zuhörer wechselten ihre verschiedenen Meinungen über das Erzählte. Jezt erhob sich einer unter ihnen und nahm das Wort. Er war klein von Wuchs, den feinen Zügen seines Gesichts sah man erst, wenn man sie näher in’s Auge faßte, das hohe Alter an; sie hatten etwas Friedliches, Stilles, und ganz verschieden von den andern rohen, derben Physiognomien, blickten aus der seinigen die Spuren von Kränklichkeit und Leid. „Verehrte Kameraden,“ sagte er, „was böse und gute Schicksale auf der See betrifft, da kann ich wohl auch ein Wörtlein mitsprechen; denn so wie ihr mich hier seht, bin ich nun schon sechzig Jahre im Dienste auf dem Schiffe. Sturm und Ungewitter, Sonnenbrand und Frühlingssäuseln sind über mein Haupt dahingegangen, dreimal hat der Blitz den Mast zerschellt, an dem ich hing, sechs Schiffe sind unter mit geborsten, auf Tonne und Brett bin ich dahingeschwommen; Hungersnoth und Pest habe ich am Bord gesehen, und die krummen Säbel der Ungläubigen haben zu meinen Füßen gemordet; der große Gott hat mir immer das Leben geschenkt; er hat mich geführt, der Erde uraltes Antlitz zu schauen, dahin, wo noch keine Menschenhand es verstümmelt; ungeheure Wälder, die die Seele mit Grauen und Anbetung erfüllen, rauschten über meinem Haupte zusammen; unter meinem bebenden Fuße klang der Fall heiliger, wunderbarer Ströme, deren Bild nicht im Träume unserm Sinne beikommt. Nun aber weiß ich aus meinem ganzen Leben keinen Anblick und kein Ereigniß zu erzählen, dessen Gedächtniß noch jezt meine ganze Seele mit so eiskaltem Schauder, mit so tiefem Entsetzen erfüllt, als ein Abentheuer, welches ich auf einer Fahrt im Nordmeere erlebte.“

„Erzählt, Vater Martin,“ riefen mehrere junge Bursche und rückten näher; auch vom Spieltisch standen einige Leute auf und gesellten sich zu dem Kreis. „Hat einer von euch,“ sagte Martin, „wohl etwas gehört vom fliehenden Holländer?“ – „Freilich,“ entgegneten zwei alte Schiffer und bekreuzten ihre Brust; „das ist ja das alte Gespenst, welches tausend Jahre schon herumfährt auf allen Meeren; wir nennen ihn auch den magern Kapitän, weil an dem ganzen Kerl nicht viel mehr seyn soll, als ein nackter Schädel und ein Paar dünne Arme und Beine. Wer aber hat ihn gesehen?“

„Ich,“ rief Martin, „ich habe den fliehenden Holländer erschaut, liebe Kameraden; doch nicht sowohl ihn, als sein Schiff. Es ist keine Fabel, kein Mährchen, und ich würde von jener gräßlichen Nacht, die mein Haar plötzlich grau färbte, gar nicht zu sprechen wagen, wären wir nicht auf festem Boden und sonder aller Gefahr. So erfahrt denn, daß ich vor ungefähr zwanzig Jahren eine Fahrt machte von den schetländischen Inseln aus unter einem Kapitän, der ein Irländer und der gottloseste Mensch war, den ich jemals kennen gelernt; er glaubte weder an Gott noch an die Heiligen, und hatte schon Schandthaten ausgeübt, vor denen eine christliche Seele im Innersten schaudert. Mit einem solchen Menschen unter einem Dache zu seyn, ist schon ein bös Ding, nun aber in einem und demselben Schiffsraume eingeschlossen, auf wildem, finsterem Meer, von aller menschlichen Hülfe weit, weit entfernt, mitten unter Larven und Ungeheuern mit ihm dahinfahren, das, Freunde, ist doch noch übler. Es ist jedem Schiffer bekannt, daß am Tage des heiligen Blasius keiner eine Fahrt unternehmen soll, wir aber lichteten die Anker gerade, als das Meßglöcklein läutete und die Processionen ihren Anfang nahmen; an ein frommes Gebet, an Altar und Betstunde war nicht zu denken, dagegen waren Flüche und lose Lieder ein angenehmer Zeitvertreib bei der wilden, jungen Mannschaft. Anfangs ging die Fahrt noch leidlich, als wir aber auf die Höhe des offenen Meeres kamen, da drangen fürchterliche Stürme uns nach. Nun sagt man, daß in der ersten Nacht des gänzlich verfinsterten Mondes die See von Gespenstern wimmle, die in der Finsterniß, in der Oede ihr Wesen treiben. Wir sahen auch seltsame weiße Scheine dahin huschen über die Wellen, ohne daß wir wussten, woher sie kamen, noch wohin sie verschwanden. In einer Nacht, wo es toller als jemals auf dem Schiffe herging – die See lag im trüben Nebel schwarz und dunkel da – waren wir alle auf dem Verdeck versammelt, und so wie jezt, sprach einer von uns vom fliehenden Holländer. Der Kapitän hörte aufmerksam zu, dann erhob er sich und in seinem trunkenen Muthe, wie er war, rief er in die See hinaus, das Gespenst solle erscheinen, er fordere es zum Kampfe heraus. Die Gesellen lachten, mir aber war nicht erbaulich zu Muth. Wie das Geschrei und Rufen eben am ärgsten war, da – ach, lieben Freunde, mir schaudert noch – da wurde es auf einmal todtenstill um uns her, alle sahen sich betroffen an, keiner wusste, was es bedeute; endlich blieb allen der Blick wie erstarrt rückwärts gerichtet: da zog durch die Flut, leise, ohne das mindeste Geräusch, ein großes, ein ungeheures Schiff auf uns zu, das – ein fürchterlicher Anblick – von unten bis oben zur Spitze des großen Mastes ganz weiß durch die Nacht schimmerte. Kein Laut regte sich, indeß das Todtenschiff immer näher kam. Endlich fiel die ganze Mannschaft auf die Knie und rief mit ungeheurem Geschrei die Hülfe Gottes und der Heiligen an. Was geschah? ein fürchterlicher Stoß erschütterte unser Schiff, wir stürzten nieder, und als wir wieder aufblickten, war das Gespenst verschwunden, der Kapitän aber mit, und nie haben wir wieder von ihm erfahren.“

„Wohlverdiente Strafe,“ rief der alte Schiffer, welcher früher seine Begebenheiten erzählt hatte. „Und das war das ganze Abentheuer, welches Ihr bestanden?“ fragte ein junger Mann: „ich dachte, Ihr wäret mit den wunderbaren Leuten auf jenem Schiffe handgemein geworden.“ – „Dafür hätte ich gedankt,“ erwiderte Martin; „ich will nicht wissen, was es für Gesellen waren, die auf dem Schiffe saßen.“ – „Man sagt,“ nahm ein anderer Zuhörer das Wort, „daß der magere Kapitän manchmal Böte aussetze, in denen sich Leute befinden von ganz sonderbarem Ansehen und wunderlicher Tracht, und diese sollen dann allerlei Briefe abgeben wollen, an Personen gerichtet, die vor undenklichen Jahren schon gestorben sind.“ – „Das kann seyn,“ rief Martin; „ich erzähle nur, was ich mit eigenen Augen gesehen.“

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