Der fliehende Holländer
Eine Schiffersage.
v. A. Freiherr von Sternberg. [Alexander von Ungern-Sternberg]
in: Novellen. Vierter Theil. [1834] ; S. 75-110

[Teil 1 von 4]

(aus dem kostenlosen Angebot von Google Books)
(diese Geschichte habe ich zwecks Übersicht in vier Teile aufgeteilt, im Original ist dies nicht der Fall)

Zur Zeit, als die niederländischen Städte sich in ihrem größten Reichthum, Glanze und Ansehen befanden, wie es noch zu schauen ist auf den Gemälden der alten Meister, die uns das fröhliche Gewimmel auf den Hafenplätzen, die Anzahl buntbewimpelter Schiffe, das freundliche Ansehen der Thürme und Palläste mit lebendigen Farben vor Augen stellen, lebte in der Stadt Antwerpen ein Mann, der sich unermessliche Reichthümer erworben hatte. Er war bekannt unter dem Namen des Kapitäns Holofernes, und wenn es gleich nicht seine Weise war, sich viel der Menge zu zeigen, so wusste doch im Umkreis der ganzen Stadt Antwerpen jedes Kind, welches nur einmal den Kapitän gesehen hatte, von ihm zu erzählen. Sein Aeußeres war das eines langen, hageren Mannes, im Antlitz trug er, wie es bei Seeleuten gewöhnlich, jene kalte, unschütterliche Ruhe, einen schroffen, fast wilden Gruft, der durch keinen sanften Zug gemildert wurde ; die Farbe seines Gesichtes glich dem gelblichen Gestein, das lange in wettertrotzendem Mauerwerk von den Wellen bespült worden. Er selbst ging nicht mehr auf Reisen aus, und wie man sagte, hielt er sich seit seiner lezten Seereise, auf der ihm etwas höchst Seltsames sollte begegnet seyn, geflissentlich vom Wasser entfernt; desto öfter stachen seine Geschäftsleute in See, und oft war die Hafenstätte angefüllt mit Schiffen, die auf Gebot des Kapitäns kamen und gingen und ihm immer neue Reichthümer aus fernen Zonen mitbrachten. Daher wünschten sich Viele kein besseres Glück, als unter dem Kapitän zu dienen, weil sie dann gewissermaßen sicher waren, daß Wind und Wellen ihnen kein Unheil brachten; andere Schiffer jedoch, die ein frommes, gottergebenes Gemüth in ihrem wilden Geschäfte bewahrt hatten, sprachen anders: sie wollten mit dem finstern Manne nichts zu thun haben, sie schrieben sein Glück nicht seiner Klugheit und seinem Muth zu, Eigenschaften, die auch ein christlicher Schiffer haben müsse, sondern eiteln Künsten des Bösen, der ihm zeitliches Gedeihen gebe, um ihn dereinst ewiglich zu verderben. Dieser Glaube tröstete sie dann, wenn sie vernahmen, daß ihr Eigenthum an fernen Küsten verunglückt sey, daß die Rippen ihrer Schiffe an Klippen und Untiefen geborsten, indeß jene des Kapitäns immer mit neuem Gut beladen in den Hafen von Antwerpen einliefen. So geschah es denn, daß die Reichthümer und Schätze des reichen Seemanns sich dergestalt mehrten, daß seine Vaterstadt ihm endlich den Antrag machte, an dem Bau eines neuen Gotteshauses, welches an Pracht und Herrlichkeit alle frühern übertreffen sollte, und das die reichen Bürger von Antwerpen zur Ehre der Stadt und ihres Namens aufführen wollten, thätig Antheil zu nehmen. Der Kapitän, der aus mancherlei Gründen ein solches Begehren nicht zurückweisen konnte, gab den Männern, die an ihn abgeschickt wurden, zur Antwort, daß er bereits schon ein ähnliches Gelübde bei sich gethan, welches er jezt in’s Werk richten wolle; er biete sich nämlich an, zum Nutzen und Besten der Stadt, statt des Beitrags für den Bau eines Münsters, lediglich aus seiner Kasse allein eine solche Summe herzugeben, daß mit ihr ein weitläufiges, schönes Haus gebaut werden könne, zur Beherbergung und Verpflegung zu Grunde gerichteter Schiffer und ihrer Familien, welches Werk gewißlich eben so verdienstlich in den Augen des Himmels sey, als der Bau eines Hauses, wo sich täglich eine Stunde müßige Leute zusammenfänden, um entweder Stadtneuigkeiten zu berichten, oder fremden Putz zu sehen, sowie den ihrigen zu zeigen. Mit dieser nicht sehr ehrerbietigen und frommen Rede mußten sich die Abgesandten begnügen und abziehen, wenigstens durch den Gedanken befriedigt, daß jenes neue Gebäude, wenn es zu Stande käme, durch den Reichthum seines Erbauers der Stadt ebenfalls zu keiner geringen Zierde dienen werde. Sie hatten sich auch, was diesen Umstand betraf, keineswegs geirrt. Zu gleicher Zeit, als die Bauleute den Grundstein zu der neuen Kirche legten, die nach dem Plan eines trefflichen Meisters einer außerordentlich köstliches Werk werden sollte, legten auch die Arbeiter die ersten behauenen Steine des Holofernesbaues nahe dabei in den Grund, so daß das Gebäude, wenn es dereinst fertig stand, gerade am Eingang der Rhede sich erhob, von wo aus es einen herrlichen Anblick den ansegelnden Schiffen gewähren mußte, sowie wiederum aus den Fenstern des Baues sich eine reizende und weite Aussicht auf den Hafen, das Meer und den Reichthum der ganzen prachtvollen Stadt Antwerpen eröffnen mußte.

Holofernes selbst zeigte sich öfters auf dem Bauplatz und man sah seine dürre, lange Gestalt mit ächt seemännischer Geübtheit und Sicherheit auf dünnen Balken durch die Lüfte dahinschreiten. Ein übler Umstand war jedoch der, daß bei Legung der ersten Steine es gänzlich unterblieben war, die übliche Haustaufe vorzunehmen, damit das werdende Haus wie ein Mensch aufwachse in der Furcht des Herrn; ja, als sich der kleine Benediktiner aus dem nahen Kloster angeboten, die Formel zu sprechen, hatte ihn der Kapitän mit der Antwort fortgewiesen: „Geh deine Wege, Mönchlein, und taufe deine eignen Kinder; dieser Bau ist mein Kindlein, und ich selbst will ihm das erste Süppchen auf den Kopf gießen;“ darauf hatte er mit der hohlen Hand Wasser geschöpft und es über die Steine ausgegossen.

Als der Bischof von Lüttich mit einer großen Anzahl Fremder, die damals die Stadt Antwerpen besuchten, den Grund der neuen Kirche in Augenschein nahm, trat er auch an den Holofernesbau, und von jenen Umständen in Kenntniß gesezt, soll er den Kopf geschüttelt und leise zu seiner nächsten Umgebung gesagt haben: „er zweifle, ob dieses ein verdienstliches Werk sey, denn es gelte das Sprichwort: wo der Herr sein Haus habe, da baue der Teufel eine Kapelle daneben.“ Holofernes kümmerte sich um dieses Gerede gar wenig, sein Haus stieg luftig in die Höhe, und als man bei dem Münster erst zu den Fenstern gelangt war, stand es schon fertig unter Dach, ein schönes, stolzes Gebäude, dessen zierlicher, schlanker Giebel mit dem saubern, künstlichen Bildwerk sich in den Wellen des Hafens spiegelte, zur Bewunderung und Freude der fremden Seefahrer, die ohne Aufhör die Klugheit, milde und Menschenfreundlichkeit, sowie den Geschmack des reichen Erbauers priesen.

Als man an die Vertheilung der Gemächer ging, wollten sich wiederum die Männer der Stadt thätig zeigen, und schlugen vor allen Dingen eine Menge hülfsbedürftiger, kranker Leute vor, die man aus den überfüllten Krankenhäusern der Stadt hinüberschaffen sollte; doch Holofernes sagte auch hier in seiner kurzen, spöttischen Weise, indem sich sein schwarzer, struppiger Bart um Kinn und Wange beim Lächeln verzog: „Bleibt mir nur mit euerm dürftigen Gesindel vom Leibe, das auf dem Felde im Stich der Sonne verkümmert ist, und das nur immerhin auf der elenden Scholle vergehen mag, an der es die Zeit seines Lebens über geklebt hat; mein Haus steht da für Seeleute, für kecke, muntere Bursche, die das rische Element als seine verzärtelten Kinder immerdar in lustigen Wiegen geschaukelt hat, die kein anderes Gebot kennen, als das ihres Kapitäns, und keine Luft, als die flüchtige, von Wellen und Wind ihnen gegönnte.“ Nach diesem Ausspruch ging er jezt daran, den Platz zu vertheilen, und es fanden sich nun eine Menge Leute, theils wirklich bedürftige alte Schiffer, theils aber auch lockere, umtreibende Gesellen, denen das Meer stets als sichere Freistätte gedient hatte, um dem Arm der Gerechtigkeit zu entfliehen. Eine Anzahl Gemächer, und zwar die stattlichsten, behielt sich der Kapitän vor, wo er denn fremde reiche Leute, die ihn besuchten, auf das Trefflichste bewirthete. Die mächtigen Speicher wurden zu Waarenlagern bestimmt, sowie zu Vorräthen für Verpflegung und Kost der Bedürftigen.

So löblich sich diese Einrichtungen auch Anfangs auswiesen, so fand sich doch bald hie und da ein Umstand dabei, der zeigte, daß der Zweck des Erbauers kein durchaus frommer und verdienstlicher war. Das Erste war schon gleich, daß die Gemächer, die, wie Holofernes vorgab, dazu bestimmt waren, daselbst Zusammenkünfte und Unterredungen über Schifffahrt, Handel, so wie Kunde fremder Länder zu halten, von Leuten angefüllt wurden, die in rohen Gelagen ihre Lust fanden und tief in die Nacht hinein jubelten und lärmten, wenn schon längst im Umkreis der frommen Stadt sich die Bürger zur Ruhe begeben hatten.

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