Vanderdecken’s Botschaft in die Heimath
oder die Gewalt der Verwandtenliebe, Theil 3 (von 3)
in: Morgenblatt für gebildete Stände [1821]

(laut Wikipedia die erste schriftliche Veröffentlichung über den Fliegenden Holländer in Deutschland)
(der Autor konnte nicht ermittelt werden, da die deutsche Übersetzung ohne Nachweis abgedruckt wurde; wurde in 3 Teilen veröffentlicht)

(aus dem Bestand der Uni-Bibliothek Düsseldorf)

(Beschluß)

Der unwillkommene Gast rang hier aufs neue die Hände, und schien zu weinen. „Das ist unmöglich,“ erwiederte er. Wir können euch nicht glauben. Wir haben lange hier herum getrieben, aber Vaterland und Verwandte sind nicht so leicht vergessen. Es giebt keinen Regentropfen in der Luft, der nicht seine Verwandtschaft mit dem andern fühlte, und sie fallen ins Meer zurück, um sich wieder mit einander zu vereinigen. Wie sollte denn das verwandte Blut seines Ursprungs vergessen lernen? Selbst unsere Körper sind ein Theil vom holländischen Boden, und Vanderdecken sagt, daß, wäre er nur einmal wieder zu Amsterdam, so wolle er lieber in einen steinernen, fest in den Boden gerammten Eckpfosten verwandelt werden, als daß er es wieder verliesse, wenn er anderswo sterben sollte. Inzwischen aber bitten wir euch nur diese Briefe mitzunehmen.“ – Der Geistliche sah ihn mit Erstaunen an und sagte: „dieß ist der Wahnsinn der Verwandtenliebe, welcher allem Maße der Zeit und der Entfernung widerstrebt.“ – Der Fremde fuhr fort: „Hier ist ein Brief von unserem zweyten Bootsmann an seinen einzigen Freund und Oheim, dem Kaufmanne, welcher im zweyten Haus auf der Stunken-Nacht-Staaden wohnt.“ Er hielt den Brief empor, keiner aber näherte sich, um ihn zu nehmen. – Da erhob Tom Willis die Stimme und fragte: „einer unserer Leute hier sagt, er sey im vorigen Sommer in Amsterdamm gewesen, und er wisse für ganz gewiß, daß die Straße dieses Namens schon vor sechzig Jahren niedergerissen worden, und nun nur eine einzige große Kirche an der Stelle stehen.“ – Da sagte der Mann vom fliegenden Holländer: „das ist unmöglich. Wir können euch nicht glauben. – Hier ist ein anderer Brief von mir an meine geliebte Schwester, mit einer Banknote für sie zu einer neuen Haube.“ – „Sehr wahrscheinlich,“ sagte Willis, „liegt ihr Kopf jezt unter einem Grabstein, welcher alle die Veränderungen der Mode überdauern wird. Aber auf was für ein Haus ist euere Note ausgestellt?“ – „Auf Vanderbruder(Banderbrucker?) und Kompanie.“ – Da sagte der Mann, von dem Tom Willis gesprochen: „ich denke, da wird jezt ein kleiner Verlust darauf stehen, denn dieses Haus ist schon vor vierzig Jahren zu Grunde gegangen, und Banderbrucker wurde nachher vermisst. – Aber sich dieser Dinge zu erinnern, ist als wie wenn man den Boden eines alten Kanals aufscharret.“ – Zornig rief der Fremde: „das ist unmöglich! Wir können’s nicht glauben! Es ist grausam, solche Dinge Leuten in unserer Lage zu sagen. – Hier ist ein Brief von unserem Kapitain selbst, an seine geliebte und vielgetreue Frau, welche er in einem angenehmen Sommerhause am Ufer des Harlemer Meeres zurückließ. Sie versprach, das Haus, ehe er zurück käme, prächtig malen und vergolden zu lassen, und neue Spiegel für das Prunkzimmer anzuschaffen, daß sie so viele Bilder von Vanderdecken auf einmal sehen könne, als wenn sie sechs Männer hätte.“ – Der Matrose erwiederte: „Sie hat Zeit genug gehabt, seitdem sechs Männer zu haben, aber wäre sie auch noch im Leben, so ist es nicht wahrscheinlich, daß Vanderdecken je wieder nach Hause komme, um sie zu beruhigen.“ – Als der Holländer dies hörte, fing er aufs neue an zu weinen und fragte, wenn wir die Briefe nicht nehmen wollten, so würde er sie hier lassen; hierauf reichte er seine Papiere dem Kapitain, dem Schiffsprediger und der ganzen Schiffsmannschaft der Reihe nach hin, aber ein jeder dem er sie anbot, wich mit zurückgezogenen Händen von ihm. Er legte also die Briefe auf’s Verdeck, beschwerte sie mit einem Stück Eisen, das daneben lag, damit sie der Wind nicht hinwegwehen möchte, und schwang sich dann über das Geländer und bestieg das Boot. – Wir hörten, wie die andern zu ihm sprachen, aber ein plötzlicher Windstoß ließ uns nichts von seiner Antwort vernehmen. Das Boot verließ die Seite des Schiffes und in ein Paar Augenblicken war nicht mehr Spur davon vorhanden, als sey es nie da gewesen. Die Matrosen rieben sich die Augen als zweifelten sie an der Wirklichkeit dessen, was sie gesehen hatten, aber die Briefe, die noch immer auf dem Verdecke lagen, bewiesen nur zu deutlich, daß sie nicht geträumt hatten. – Saunderson fragte den Kapitain, ob er sie aufnehmen und ins Brief-Fellersen(?) packen solle, und da er keine Antwort erhielt, wollte er sie aufheben, aber Tom Willis hielt ihn zurück und sagte, niemand müsse sie anrühren.

Inzwischen war der Kapitain in die Kajüte hinabgegangen, und der Geistliche, welcher ihm folgte, fand ihn bey seinem Flaschenteller, wo er sich ein großes Glas Branntwein einschenkte. „Hier, Charters(?), ist etwas gegen die kalte Nachtluft,“ fragte er, um seine Verwirrung zu verbergen, zum Hereintretenden. Der Geistliche aber wollte nicht trinken, und nachdem der Kapitän den Becher geleert, kehrten sie wieder aufs Verdeck zurück, wo sie die Seeleute in Berathung fanden, was mit den Briefen geschehen sollte. Tom Willis schlug vor, sie mit einer Harpune aufzuheben und ins Meer zu werfen. – Ein Anderer aber fragte, er habe immer gehört, es sey weder sicher, sie gutwillig anzunehmen, oder, wenn sie dort gelassen, sie aus dem Schiff zu werfen. – „Rühre sie Niemand an,“ sagte der Zimmermann, die Art, wie man mit den Briefen des fliegenden Holländers verfahren muß, ist, daß man Breter darüber nagle, so daß, wenn er wieder darnach schicken sollte, sie sich noch da befinden. – Der Zimmermann ging, um sein Handwerkzeug herbeyzuholen. Während seiner Abwesenheit schlug das Schiff heftig auf die Seite, das Stück Eisen schlüpfte dadurch von den Briefen, und der Wind führte sie stürmend über Bord. Ein Freudengeschrey erhob sich unter den Matrosen, und sie schrieben die Veränderung, welche jezt in der Witterung eintrat, dem Umstande zu, daß wir Vanderdeckens Briefe los geworden. Bald darauf gingen wir wieder unter Segel; und nachdem die nächtliche Wache aufgestellt war, begab sich die übrige Mannschaft beruhigt zu Bette.

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