Vanderdecken’s Botschaft in die Heimath
oder die Gewalt der Verwandtenliebe, Theil 2
in: Morgenblatt für gebildete Stände [1821]

(laut Wikipedia die erste schriftliche Veröffentlichung über den Fliegenden Holländer in Deutschland)
(der Autor konnte nicht ermittelt werden, da die deutsche Übersetzung ohne Nachweis abgedruckt wurde; wurde in 3 Teilen veröffentlicht)

(aus dem Bestand der Uni-Bibliothek Düsseldorf)

Indessen hatte weder der Sturm noch der Donner nachgelassen, und bald zeigte uns ein Blitzstrahl die bewegten Wellen um uns her, und in der Ferne den Fliegenden Holländer, welcher mit allen Segeln wüthend vom Sturme getrieben die Wogen durchschoß. Wir sahen dieses Schauspiel nur einen Augenblick lang, aber es war genug um den Reisenden alle Zweifel zu benehmen. Einer der Matrosen rief, „dort fliegt er hin mit gespannten Segeln.“ – Der Prediger hatte sein Gebetbuch heraufgebracht, damit er etwas daraus schöpfen möge, die verzagenden Gemüther zu stärken. Demnach nahm er seinen Sitz bey dem Kompaß, so daß das Licht auf die weissen Blätter des Buches fiel, und las mit Feierlicher Stimme das Gebet für die, so sich in Stürmesnoth befinden, vor. Die Matrosen standen mit gefalteten Armen um ihn her, und ihre Blicke zeigten, daß sie keine große Wirkung davon erwarteten. Wenigstens aber diente es doch dazu, die Aufmerksamkeit derer, welche sich auf dem Verdecke befanden, eine Zeitlang fest zu halten.
Inzwischen zeigten die abnehmenden Blitze nur noch die sich um das Schiff her thürmenden Wogen. Die Matrosen aber schienen doch noch zu glauben, daß das Schlimmste nicht vorüber sey, vertrauten aber ihre Bemerkungen und Ahnungen blos ihrem eigenen Zirkel. – Um diese Zeit kam der Kapitain, welcher bis jetzt in seinem Bette geblieben war, aufs Verdeck, und fragte mit scherzender Miene, was sie Alle so bestürzt mache. Das Wetter, sagte er, sey am Abnehmen, und er wunderte sich, daß seine Leute über so ein bischen Wind ein solches Aufheben machen könnten. Als man den Fliegenden Holländer erwähnte, lachte er und sagte: „er möchte gern ein Schiff sehen, das in einer solchen Nacht Topsegel führte.“ Der Prediger fasste ihn bey einem Knopfe und führte ihn auf die Seite, wo er ihn ernstlich zuzureden schien. – Während sie mit einander gingen, hörte man den Kapitain ausrufen: „laßt uns auf unser eigenes Schiff Acht geben und uns nicht um dergleichen Dinge bekümmern;“ mit diesem Entschluß sandte er einen Mann den Mast hinauf, um nach einer der Stangen zu sehen, welche sich mit großen Geräusch gegen den Mast rieb. – Es war Tom Willis, welchem dieses Geschäft wurde; als er wieder herabkam, sagte er, Alles sey fest, und er hoffe, es würde sich bald aufhellen; und daß sie nichts mehr von dem sehen möchten, was sie am meisten fürchteten. – Der Kapitain und einer der Offiziere lachten laut miteinander, worauf der Geistliche sagte, es würde besser seyn, diese unzeitige Lustigkeit zu unterdrücken. Der zweyte Offizier, ein Schottländer Namens Duncan Saunderson, welcher zu Aberdeen studiert hatte, hielt sich für zu weise, um den Matrosen zu glauben, und schlug sich gleichfalls zum Kapitain. Er rieth Tom Willis, seiner Großmutter Brille zu borgen, wenn er wieder ans Aufpassen käme. Tom wandte sich ärgerlich hinweg und murmelte, er wolle doch seinen eigenen Augen bis am Morgen trauen, und stellte sich aufs neue auf den Schiffsrand, wo er mit der größten Aufmerksamkeit hinaus zu sehen schien. Nach und nach verloren sich jezt die Stimmen, denn die Meisten hatten sich wieder in die Hangmatten begeben, und wir hörten nichts mehr als das Peitschen der Taue gegen die Masten und das Brechen der Wellen gegen den Schnabel, so wie das Schiff sich wandte. – Nach einer geraumen Pause aber fing es aufs Neue zu blitzen an, und Tom Willis rief auf einmal: „da ist Vanderdecken wieder! Sie lassen eben ein Boot herab.“ – Alle, die sich auf dem Verdeck befanden, liefen zu Tom. Der nächste Blitzstrahl beleuchtete in weiter Ferne das wüthende Meer, und zeigte uns nicht nur in der Entfernung den Fliegenden Holländer, sondern acuh ein Boot mit vier Männern, welches von demselben herkam. Das Boot war nicht über 200 Klafter von unserem Schiff entfernt. – Der Mann, welcher es zuerst gesehen hatte, lief zum Kapitain und fragte, ob sie es anrufen sollten oder nicht. Der Kapitain, welcher in großer Bewegung auf und abging, antwortete nicht. Ein Offizier rief: „wer wirft diesem Boote ein Tau zu?“ Die Seeleute aber sahen sich einander an, ohne etwas zu thun. Das Boot war jezt bis nahe an die Ketten gekommen, als Tom Willis ausrief: „Was wollt ihr? Oder was für ein Teufel hat euch in diesem Wetter hierher geblasen.“ Eine gellende Stimme vom Boote erwiederte auf Englisch: „Wir wünschen mit eurem Kapitain zu sprechen.“ Der Kapitain aber schwieg still, und aus Vanderdeckens Boot, das inzwischen bey dem Schiff angelegt hatte, kam ein Mann aufs Verdeck. Er hatte das Ansehen von einem müden, vom Wetter hart mitgenommenen Matrosen, und hielt einige Briefe in der Hand. – Unsere Matrosen zogen sich von ihm hinweg. Der Geistliche aber trat mit festen Blicken auf ihn zu und fragte: „Was ist der Zweck eures Besuches?“ – Der Fremdling erwiederte: „Wir sind schon lange hier von widrigem Wetter festgehalten worden, und Vanderdecken wünscht diese Briefe an seine Freunde nach Europa zu schicken.“ – Jezt trat unser Kapitain hervor und fragte mit aller Entschlossenheit, die er zusammenzubringen vermochte: „Ich wollte Vanderdecken gebe seine Briefe lieber irgend einem anderen Schiffe als dem meinigen.“ – Der Fremde erwiederte: „Wir haben manches Schiff ersucht, aber die meisten wollen unsere Briefe nicht annehmen.“ – Worauf Tom Willis murmelte: „Es wird am besten für uns seyn, wenn wir es auch so machen, denn man sagt, es sey zuweilen ein senkendes Gewicht in euren Papieren.“ – Der Fremde, ohne ihm zu antworten, fragte wo wir her seyen. Als man ihm erwiederte, wir seyen von Portsmouth, jammerte er: „Wollte Gott, ihr wäret von Amsterdam. O, könnten wir es doch wiedersehen! – Wir müssen unsere Freunde wiedersehen.“ Als er diese Worte sprach, schrien die Männer, welche unten im Boot geblieben waren, mit durchdringender Stimme, indem sie die Hände rangen, auf holländisch. „O, könnten wir es doch wiedersehen! Wir haben schon lange hier herumgetrieben; aber wir müssen unsere Freunde wiedersehen!“ – Der Kaplan fragte den Fremden, wie lange sie zur See gewesen? – „Wir haben unsere Rechnung verloren, denn unser Kalender wurde vom Winde hinweggeführt. Unser Schiff ist, wie ihr sehet, noch immer hier, warum also fragt ihr, wie lange wir zur See gewesen. – Vanderdecken wünscht nur nach Hause zu schreiben, um die Seinigen zu beruhigen.“ – Worauf der Geistliche erwiederte: „Eure Briefe, fürchte ich, dürften in Amsterdam nichts nützen, selbst wenn sie dort abgeliefert würden; denn die Leute, an die sie gerichtet, sind wahrscheinlich nicht mehr dort zu finden, es sey denn unter uraltem grünen Rasen auf dem Kirchhof.“ –

(Der Beschluß folgt.)

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